Wer verschmutzt die Welt mit Plastik?

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Die größten Quellen liegen in Asien und Afrika. Europa wirkt im Vergleich sauber – doch dieser Eindruck täuscht zum Teil.

Wenn von den „größten Plastikverschmutzern“ die Rede ist, werden oft drei Dinge vermischt: wer am meisten Kunststoff herstellt, wer am meisten Abfall erzeugt und wessen Abfall unkontrolliert in die Umwelt gelangt. Nur das Letzte ist Verschmutzung im eigentlichen Sinn. Zwei große Studien zeigen, wie ungleich sie verteilt ist, und warum Europa sich trotzdem nicht zurücklehnen kann.

Gemessen wird, was entweicht

Die bislang umfassendste Bilanz stammt von der Universität Leeds. Cottom, Cook und Velis haben für über 50.000 Gemeinden weltweit berechnet, wie viel Kunststoffabfall nicht gesammelt, nicht kontrolliert deponiert und nicht in Anlagen verbrannt wird (Cottom et al. 2024). Ergebnis für das Jahr 2020: rund 52 Millionen Tonnen, etwa ein Fünftel des gesamten Kunststoffabfalls aus Haushalten und Gemeinden. Rund 57 % davon werden offen verbrannt, auf Halden oder im Hinterhof, mit entsprechenden Folgen für Luft und Gesundheit. Der Rest bleibt als Müll an Land, in Flüssen und schließlich im Meer.

An der Spitze steht Indien mit 9,3 Millionen Tonnen pro Jahr, gefolgt von Nigeria (3,5), Indonesien (3,4) und China (2,8). Dass China trotz seiner riesigen Kunststoffproduktion nur auf Platz vier liegt, führen die Autoren auf den Ausbau von Verbrennungsanlagen und geordneten Deponien zurück. Die Hauptursache im globalen Süden ist schlicht fehlende Müllabfuhr; im globalen Norden ist es vor allem achtlos weggeworfener Abfall.

Die zehn größten Quellen von unkontrolliert freigesetztem Kunststoffabfall, Millionen Tonnen pro Jahr (2020). Daten: Cottom et al. 2024.

Europa: klein im Diagramm

Länder mit hohem Einkommen erzeugen pro Kopf am meisten Kunststoffabfall, sammeln ihn aber nahezu vollständig ein. In der Leeds-Bilanz stehen sie deshalb zusammen für nur rund 0,3 % der weltweiten Emissionen. Ein ähnliches Bild ergibt sich für den Eintrag ins Meer: Nach einem Modell von Meijer et al. (2021) gelangen jährlich knapp eine Million Tonnen Kunststoff über Flüsse und Küsten ins Meer, aus ganz Europa etwa 2 %. Innerhalb Europas liegt die Türkei mit rund 14.000 Tonnen weit vorn, vor Albanien, der Ukraine und Großbritannien. Auch Kroatien steht mit gut 200 Tonnen unter den zehn größten Quellen, ein Wert, der uns an der Adria unmittelbar betrifft.

Beide Studien beruhen auf Modellen mit großen Unsicherheiten; die Autoren betonen selbst, dass es kaum Messdaten gibt, an denen sich ihre Ergebnisse prüfen lassen. Die Größenordnungen gelten dennoch als belastbar.

Kunststoffeintrag ins Meer aus europäischen Ländern, Tonnen pro Jahr (Modellschätzung). Daten: Meijer et al. 2021; Eurostat 2025.

Der blinde Fleck: Exporte

Eine wichtige Einschränkung nennen Cottom und Kollegen ausdrücklich: Exporte von Kunststoffabfällen sind in ihrer Bilanz nicht enthalten. Die Emissionen der reichen Länder sind deshalb vermutlich unterschätzt. Wie groß dieser Posten ist, zeigen die Handelsdaten. Die EU exportierte 2024 rund 1,5 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle, 13 % mehr als im Vorjahr. Wichtigstes Zielland war die Türkei mit 426.000 Tonnen, gefolgt von Malaysia, Indonesien, Großbritannien und Vietnam; größter Exporteur innerhalb der EU war Deutschland (Eurostat, nach BKV 2025). Dass die Türkei zugleich der größte Kunststoffeintrag Europas ins Meer ist, legt einen Zusammenhang nahe. Belegen lässt er sich mit diesen Daten allein nicht.

Die EU hat reagiert. Nach der neuen Abfallverbringungsverordnung (EU) 2024/1157 dürfen ab 21. November 2026 keine Kunststoffabfälle mehr in Länder außerhalb der OECD exportiert werden, also etwa nicht mehr nach Malaysia, Indonesien oder Vietnam. Die Türkei ist allerdings OECD-Mitglied. Lieferungen dorthin bleiben erlaubt und werden von der Kommission lediglich überwacht.

Was daraus folgt

Die Zahlen widerlegen zwei bequeme Erzählungen zugleich: dass Plastikmüll nur ein Problem ferner Länder sei, und dass sich das Problem allein durch neue Materialien lösen lasse. Wo Abfall nicht gesammelt wird, hilft auch ein „biologisch abbaubarer“ Kunststoff wenig, denn im Meer und im Boden bauen sich die meisten dieser Materialien nur langsam oder gar nicht vollständig ab (UNEP 2015). Wirksam sind zuerst Vermeidung, Wiederverwendung und funktionierende Sammelsysteme, weltweit und nicht nur zu Hause.

Proven by Nature prüft im Freiland, was Materialien in Boden, Bach und Meer tatsächlich tun, und macht die Ergebnisse öffentlich. Wir laden Schulen, Bürgerinnen und Bürger ein, mitzuforschen, und Politik und Wirtschaft, sich an belegten Zahlen zu orientieren statt an Versprechen. Die Natur hat das letzte Wort.

Literatur

Cottom J. W., Cook E. & Velis C. A. (2024): A local-to-global emissions inventory of macroplastic pollution. Nature 633: 101–108. doi:10.1038/s41586-024-07758-6

Meijer L. J. J., van Emmerik T., van der Ent R., Schmidt C. & Lebreton L. (2021): More than 1000 rivers account for 80% of global riverine plastic emissions into the ocean. Science Advances 7: eaaz5803. doi:10.1126/sciadv.aaz5803

Eurostat (2025): Exporte von Kunststoffabfällen aus der EU 2024, zitiert nach BKV GmbH, „Eurostat: Exports of plastic waste up 13 per cent“ (März 2025).

Verordnung (EU) 2024/1157 über die Verbringung von Abfällen. Amtsblatt der EU, L, 30.4.2024.

UNEP (2015): Biodegradable Plastics and Marine Litter. Misconceptions, Concerns and Impacts on Marine Environments. United Nations Environment Programme, Nairobi.

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