Besiedelt heißt nicht verdaut

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Was auf Plastik im Meer lebt und warum das noch kein Beweis für Abbau ist

Wer ein Stück Kunststoff einige Wochen im Meer liegen lässt, holt es mit einem schleimigen Überzug wieder heraus: Bakterien, Kieselalgen, Pilze, winzige Tiere. Unter dem Mikroskop sieht das aus wie ein Festmahl. Doch der Eindruck täuscht oft.

Forschende haben dieser Lebensgemeinschaft 2013 einen Namen gegeben: die Plastisphäre. Schon die erste genetische Untersuchung zeigte, dass auf Kunststoffteilen aus dem Nordatlantik eine eigene, vielfältige Mikrobengemeinschaft lebt, die sich vom umgebenden Wasser unterscheidet (Zettler et al. 2013). Seither ist klar: Jede Kunststoffoberfläche im Meer wird innerhalb weniger Tage besiedelt, zuerst von Pionierbakterien, dann von einer immer reicheren Gemeinschaft.

Doch Besiedlung ist nicht Abbau. Für die meisten Bewohner der Plastisphäre ist der Kunststoff nur ein Untergrund, ein Floß, auf dem man sich festhält und von Nährstoffen aus dem Wasser lebt. Nur ein kleiner Teil verfügt über Enzyme, die Kunststoff tatsächlich zerlegen können, und selbst die besten bekannten Abbauer arbeiten langsam. Eine aktuelle Übersichtsarbeit nennt als Beispiel Bakterien der Gattung Pseudomonas, die Polyethylen im Labor innerhalb von 120 Tagen um bis zu 20 % abbauten. Zugleich kann die Plastisphäre problematische Mitreisende transportieren, etwa Vibrionen, zu denen auch Krankheitserreger gehören, und als Reservoir für Antibiotikaresistenzen dienen (Zhai et al. 2023).

Bei abbaubaren Kunststoffen sind es tatsächlich Mikroorganismen, die die Arbeit leisten. Ein britisches Team konnte 2026 zeigen, dass Schnecken und Flohkrebse im Labor zwar an Folien knabbern, im Freiland aber kaum zum Abbau beitragen. Entscheidend war die mikrobielle Aktivität (Courtene-Jones et al. 2026). Umso wichtiger ist es, Besiedlung und echten Abbau sauber zu unterscheiden.

Was wir gelernt haben

Auch wir sind diesem Trugschluss anfangs erlegen. In unserer abgeschlossenen Vorstudie (2023–2025) waren die Proben schon nach kurzer Zeit dicht von Kieselalgen und Bakterien überzogen, und wir deuteten das zunächst als beginnenden Abbau. Erst Wägungen, Mikroskopie und chemische Analysen zeigten: Die Masse nahm nur langsam ab, und die besonders additivreichen Granulatkörner wurden gar nicht erst besiedelt. Ein rascher Abbau gelang nur in einem Aquarienfilter, wo sich spezialisierte Bakterien stark anreichern konnten.

Was wir tun

Proven by Nature misst deshalb nicht, was auf einem Material wächst, sondern was vom Material übrig bleibt: Masse, Oberfläche, Wandstärke und chemische Veränderungen, im Meer, in Bächen, Seen und Böden, in Kooperation mit dem WWF Österreich. Mit dem Schulprojekt PLASTIKLAR wollen wir Jugendlichen zeigen, wie spannend der Blick durchs Mikroskop sein kann und wie wichtig es ist, das Gesehene kritisch zu deuten. Machen Sie mit oder unterstützen Sie unsere Arbeit.

Quellen

Courtene-Jones, W., Cole, M., Coppock, R. L. et al. (2026): Minimal contribution of bioerosion in the deterioration of biodegradable plastics in the marine environment: evidence from laboratory and field experiments. Environmental Pollution 405: 128491. https://doi.org/10.1016/j.envpol.2026.128491

Zhai, X., Zhang, X.-H. & Yu, M. (2023): Microbial colonization and degradation of marine microplastics in the plastisphere: A review. Frontiers in Microbiology 14: 1127308. https://doi.org/10.3389/fmicb.2023.1127308

Zettler, E. R., Mincer, T. J. & Amaral-Zettler, L. A. (2013): Life in the “Plastisphere”: Microbial communities on plastic marine debris. Environmental Science & Technology 47(13): 7137–7146. https://doi.org/10.1021/es401288x

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