Warum selbst wirklich abbaubare Kunststoffe nichts daran ändern, dass wir achtsam mit der Welt umgehen müssen. Ein Grundsatzpapier
Grundlage: begutachtete Fachliteratur (2011–2026), die Berichte der EU-Wissenschaftsberatung (SAPEA 2020, Chefwissenschaftsberater der Europäischen Kommission 2020) und des UN-Umweltprogramms (UNEP 2015) sowie die Erfahrungen aus der abgeschlossenen Vorstudie von Proven by Nature (2023–2025)
| Das Wichtigste in Kürze Proven by Nature prüft im Freiland, ob biologisch abbaubare Kunststoffe halten, was sie versprechen. Daraus ergibt sich eine Frage, die über jedes einzelne Material hinausreicht: Wäre die Plastikkrise gelöst, wenn es eines Tages Kunststoffe gäbe, die sich überall restlos abbauen? Die Antwort dieses Papiers lautet: Nein. Abbaubarkeit ist keine Eigenschaft des Materials allein, sondern des Systems aus Material, Form, Milieu und Zeit. Ein und dasselbe Material kann im Meer nach knapp zwei Monaten zur Hälfte verschwunden sein oder dafür mehr als drei Jahre brauchen (Lott et al. 2021). Abbau braucht Zeit, und in dieser Zeit wirkt ein Gegenstand wie jeder andere Abfall. Er kann Tiere verletzen, verschluckt werden, Lebensräume bedecken und zu Mikroplastik zerfallen. Bei gleichbleibendem Eintrag verringert Abbaubarkeit die Menge in der Umwelt, sie beseitigt sie aber nicht. Auch vollständiger Abbau hinterlässt etwas: Kohlendioxid, unter Sauerstoffmangel Methan, dazu Zusatzstoffe, die in biobasierten und abbaubaren Produkten ebenso vorkommen wie in herkömmlichen (Zimmermann et al. 2020). Ob das Etikett „biologisch abbaubar“ zum Wegwerfen verleitet, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Gut begründet ist dagegen die Sorge, dass es Verantwortung vom Menschen auf das Material verschiebt (UNEP 2015). Daraus folgt der Grundsatz von Proven by Nature: Abbaubarkeit ist ein Sicherheitsnetz für unvermeidbare Verluste, kein Freibrief. Vorrang haben Vermeiden, Wiederverwenden und Verwerten. Kein Material, so gut es auch sein mag, nimmt uns die Aufgabe ab, achtsam zu leben. |

| Der Grundsatz von Proven by Nature Abbaubar ist kein Freibrief. Die beste Verpackung ist die, die gar nicht erst entsteht. Die zweitbeste wird wiederverwendet, die drittbeste stofflich verwertet. Abbaubare Materialien sind die Antwort auf das, was trotz aller Sorgfalt verloren geht, nicht auf Gedankenlosigkeit. Kein Material ersetzt einen achtsamen Menschen. |
1. Ein scheinbarer Widerspruch
Proven by Nature sucht nach Materialien, die sich in der Natur wirklich abbauen, und prüft die Versprechen der Hersteller dort, wo Kunststoffe tatsächlich landen: im Meer, in Bächen und Teichen, in Wald- und Gartenböden. In der abgeschlossenen Vorstudie (2023–2025) mit rund 100 Freilandexperimenten hat sich kein zertifiziert abbaubares Material so zersetzt, wie es das Zertifikat erwarten ließ. Nach sechs Monaten lag der Masseverlust je nach Milieu zwischen 5 und 25 Prozent, nach 18 Monaten war kein Prüfkörper vollständig verschwunden, und es entstand Mikroplastik.
Naheliegend wäre der Schluss, das Ziel sei schlicht ein besseres Material. Hätten wir erst einen Kunststoff, der sich überall rasch und rückstandslos auflöst, dann wäre das Problem gelöst. Diese Hoffnung ist verständlich, und die Werbung bedient sie gern. Sie verfehlt aber den Kern der Sache. Dieses Papier begründet, warum Proven by Nature diese Hoffnung nicht teilt und warum unsere Arbeit trotzdem notwendig ist. Beides gehört zusammen, und erst zusammen ergibt es eine stimmige Haltung.

2. Abbaubarkeit ist eine Eigenschaft des Systems
Die Wissenschaftsakademien Europas haben 2020 in einer umfassenden Übersicht festgehalten, dass die Bezeichnung „biologisch abbaubar“ nicht bedeutet, dass ein Gegenstand unter allen Bedingungen abgebaut wird. Ob und wie rasch das geschieht, hängt vom Material ab, aber ebenso von seiner Form und Wandstärke, von Temperatur, Sauerstoff und Feuchtigkeit, von den Mikroorganismen am jeweiligen Ort und schließlich von der Zeit (SAPEA 2020). Die Chefwissenschaftsberater der Europäischen Kommission empfahlen deshalb, abbaubare Kunststoffe in der offenen Umwelt auf Anwendungen zu beschränken, bei denen Vermeiden, Wiederverwenden und Recycling nicht möglich sind. Als Lösung für mangelhafte Abfallwirtschaft oder Vermüllung seien sie ausdrücklich nicht zu betrachten (GCSA 2020).
Wie groß die Unterschiede sein können, zeigt eine Studie unter der Leitung des Meeresbiologen Christian Lott. Sein Team hat abbaubare Folien im Labor, in Becken und im Freiland untersucht, im Mittelmeer bei 12 bis 30 °C und in den Tropen Südostasiens bei 29 °C, jeweils am Strand, im freien Wasser und am Meeresboden. Die Halbwertszeiten unterschieden sich je nach Material, Lebensraum und Klimazone teils um mehr als das Zwanzigfache (Lott et al. 2021).
Tabelle 1: Ein Material, viele Halbwertszeiten. Halbwertszeiten abbaubarer Folien im Meer, kürzester und längster gemessener Wert
| Material | Kürzeste Halbwertszeit | Längste Halbwertszeit |
| PHB (Folie, 85 µm) | 54 Tage (Meeresboden, Südostasien) | 1.247 Tage, rund 3,4 Jahre (Becken, Freiwasser) |
| PBSe (Folie, 25 µm) | 99 Tage (Meeresboden, Südostasien) | 2.614 Tage, rund 7 Jahre (Becken, Meeresboden) |
| PBSeT | 147 Tage (Becken, Uferzone) | 797 Tage, rund 2,2 Jahre (Mittelmeer, Meeresboden) |
| LDPE (Vergleich) | kein Abbau messbar | kein Abbau messbar |
Quelle: Lott et al. 2021. PHB = Polyhydroxybutyrat, PBSe = Polybutylensebacat, PBSeT = Polybutylensebacat-co-terephthalat, LDPE = Polyethylen niedriger Dichte. Die Folien waren dünn; Gegenstände mit Wandstärken im Millimeterbereich bauen deutlich langsamer ab.
Dasselbe Bild zeigt sich an Land. In einer Studie aus Konstanz wurden pulverisierte, sorgfältig entwickelte Polyester in Mikrokosmen aus Waldboden nach rund 250 Tagen zu 49 bis 58 Prozent zu Kohlendioxid veratmet. Folien aus verwandten Polyestern, die fast 15 Monate im Humus eines naturnahen Mischwalds vergraben waren, wirkten dagegen mit bloßem Auge noch intakt. Sie waren trüber und spröder geworden, erst im Rasterelektronenmikroskop zeigten sich Hohlräume in der Größe von Bakterienzellen (Lerner et al. 2026). Napper und Thompson (2019) legten verschiedene Einkaufstüten drei Jahre lang ins Meer, in den Boden und an die Luft. Die kompostierbare Tüte war im Meer nach drei Monaten verschwunden, im Boden aber nach 27 Monaten noch vorhanden. Als „biologisch abbaubar“ verkaufte Tüten konnten nach drei Jahren in Boden und Meer sogar noch Einkäufe tragen.
Unsere eigene Vorstudie hat einen weiteren Grund für die Kluft zwischen Versprechen und Wirklichkeit gezeigt: Zertifikate werden häufig an hauchdünnen Proben erteilt, etwa an Folien von 52 oder 600 Mikrometern, während die verkauften Produkte Wandstärken von mehreren Millimetern haben. Wer „biologisch abbaubar“ sagt, müsste also immer dazusagen, wo, unter welchen Bedingungen, in welcher Form und in welcher Zeit.
Hinzu kommt ein grundsätzlicher Zielkonflikt, den keine Chemie ganz auflösen kann. Ein Material soll im Gebrauch stabil sein: Ein Becher darf sich nicht im Kaffee auflösen, eine Folie nicht im Regen, ein Netz nicht im Meerwasser. Je beständiger ein Material im Gebrauch ist, desto langsamer zerfällt es, wenn es verloren geht. Ein Kunststoff, der sich überall und sofort abbaut, wäre für die meisten Zwecke unbrauchbar.
3. Die Zeit dazwischen
Abbau ist ein Vorgang, kein Ereignis. Solange ein Gegenstand existiert, wirkt er als Gegenstand. Eine Tüte, die sich in drei Jahren auflösen wird, kann im ersten Jahr einen Darm verstopfen. Ein Netz, das in einigen Jahren zerfällt, kann bis dahin Tiere fangen und verletzen. Eine Folie, die am Meeresboden liegt, deckt das Leben darunter ab, ganz gleich, woraus sie besteht. Für das Tier, das sich verfängt, spielt es keine Rolle, ob das Material zertifiziert ist.
Viele Kunststoffe zerfallen zudem zuerst in kleinere Stücke, bevor Mikroorganismen sie tatsächlich veratmen. In unserer Vorstudie entstand dabei nachweislich Mikroplastik, und auch die Konstanzer Folien wurden im Waldboden zunächst spröde (Lerner et al. 2026). Kleinere Teile bieten Mikroben mehr Angriffsfläche, sie werden aber auch leichter von Tieren aufgenommen und weiter verfrachtet.
Der Umweltchemiker Matthew MacLeod und Kollegen bezeichnen Kunststoff als einen kaum umkehrbaren Schadstoff. Er reichert sich an, solange mehr in die Umwelt gelangt, als durch Verwitterung und Aufräumen wieder verschwindet. In entlegenen Gebieten ist Aufräumen gar nicht möglich. Die vernünftige Antwort sei daher, den Eintrag rasch und drastisch zu senken (MacLeod et al. 2021).
Diese Logik gilt auch für abbaubare Materialien, und sie lässt sich mit einfacher Mathematik zeigen. Gelangt Jahr für Jahr dieselbe Menge eines Stoffs in die Umwelt, stellt sich ein Gleichgewicht ein, bei dem ebenso viel abgebaut wie eingetragen wird. Der Bestand entspricht dann dem jährlichen Eintrag mal der mittleren Verweildauer, die rund das 1,44-Fache der Halbwertszeit beträgt. Bei einer Halbwertszeit von einem Jahr liegen also dauerhaft rund 1,4 Jahresmengen in der Umwelt, bei sieben Jahren rund zehn. Abbaubarkeit verkleinert den Bestand, aber nur weniger Eintrag lässt ihn verschwinden.

4. Auch Abbau hinterlässt Spuren
Vollständiger biologischer Abbau bedeutet, dass Mikroorganismen den Kohlenstoff eines Materials zu Kohlendioxid veratmen, ohne Sauerstoff, etwa in Sedimenten oder Deponien, auch zu Methan, einem deutlich stärkeren Treibhausgas. Bei Materialien aus Pflanzen schließt sich damit ein Kreislauf. Doch „biologisch abbaubar“ heißt nicht „biobasiert“: Manche abbaubaren Kunststoffe, etwa Polycaprolacton (PCL) oder das in vielen kompostierbaren Folien enthaltene PBAT, werden ganz oder überwiegend aus Erdöl hergestellt. Ihr Abbau setzt fossilen Kohlenstoff frei.
Kunststoffe bestehen zudem nie nur aus dem Polymer. Eine Arbeitsgruppe um Martin Wagner untersuchte 43 Alltagsprodukte aus biobasierten und abbaubaren Kunststoffen sowie aus Pflanzenmaterial. Vier von fünf Produkten enthielten mehr als 1.000 verschiedene chemische Substanzen, und rund drei von vier enthielten Stoffe, die im Labortest giftig wirkten. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass diese Produkte nicht sicherer sind als herkömmliche Kunststoffe (Zimmermann et al. 2020). Insgesamt sind in Kunststoffen mehr als 16.000 Chemikalien bekannt, von denen rund 4.200 als bedenklich gelten (Monclús et al. 2025).
Wie wenig der Begriff „Bio“ über die Wirkung in der Natur sagt, zeigt ein Beispiel aus der Blumenbinderei. Der grüne Steckschaum in Kränzen und Gestecken zerfällt zu Mikroplastik, das Wassertiere aufnehmen. Ein als pflanzenbasiert vermarkteter „Bio-Schaum“ gab in einer australischen Studie mehr als doppelt so viele Phenolverbindungen ab, und sein Auszug war für Zebrafischembryonen etwa doppelt so giftig wie der herkömmliche (Trestrail et al. 2020).
| Zum Staunen: der Filter aus Holz Der Filter einer Zigarette besteht aus Celluloseacetat, einem Kunststoff, der aus Zellstoff, also letztlich aus Holz, hergestellt wird. Seine Herkunft ist natürlich, sein Verhalten in der Umwelt ist es nicht: Weggeworfene Filter gehören weltweit zu den häufigsten Abfallteilen an Stränden. In einem Versuch mit einer Meeres- und einer Süßwasserfischart genügte das Sickerwasser von rund einem gerauchten Stummel samt Tabakresten pro Liter Wasser, um binnen 96 Stunden die Hälfte der Fische zu töten (Slaughter et al. 2011). Aus der Natur zu stammen heißt nicht, in der Natur harmlos zu sein. |
5. Der Mensch hinter dem Material
Schon 2015 warnte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in einem Bericht über abbaubare Kunststoffe im Meer vor einer stillen Nebenwirkung. Die Belege dafür, dass das Etikett „biologisch abbaubar“ Menschen häufiger zum Wegwerfen verleitet, seien zwar begrenzt. Ein solches Etikett könne aber als technische Scheinlösung wirken, die Verantwortung vom Einzelnen wegverlagert und die Bereitschaft verringert, das eigene Verhalten zu ändern (UNEP 2015).
Neuere Befragungen zeigen, wie stark das von der Kultur abhängt. In einer Umfrage unter 4.030 Menschen in den Niederlanden, Australien, Indien und Indonesien hielten in den Niederlanden über 80 Prozent das Liegenlassen einer Verpackung für inakzeptabel, gleich aus welchem Material sie bestand. In Australien dagegen fanden deutlich mehr Befragte es vertretbar, eine abbaubare oder papierene Verpackung liegen zu lassen als eine aus herkömmlichem Kunststoff (Dilkes-Hoffman et al. 2024). Ein verwandtes Muster kennt die Verhaltensforschung vom Recycling: Stand eine Recyclingmöglichkeit zur Verfügung, verbrauchten Versuchspersonen mehr Papier, und in einem Feldversuch stieg der Verbrauch von Papierhandtüchern, nachdem ein Recyclingbehälter aufgestellt worden war (Catlin & Wang 2013). Das gute Gewissen über die Entsorgung kann den Verbrauch erhöhen.
Eine von einem Branchennetzwerk veröffentlichte Literaturübersicht fand dagegen für Großbritannien keine belastbaren Belege dafür, dass abbaubare Kunststoffe mehr Vermüllung verursachen (Hanson et al. 2025). Sie ist nicht begutachtet und stammt aus dem Umfeld der Industrie, verdient aber dieselbe sachliche Prüfung wie jede andere Quelle.
| Einordnung: Was wir wissen und was nicht Die Aussage „Bioplastik führt zu mehr Vermüllung“ ist derzeit nicht ausreichend belegt. Proven by Nature vertritt sie deshalb nicht als Tatsache. Unser Grundsatz hängt davon aber nicht ab: Selbst wenn niemand wegen des Etiketts mehr wegwürfe, blieben die Abhängigkeit vom System, das Zeitfenster und die Rückstände bestehen. Die Verschiebung von Verantwortung betrifft zudem nicht nur Einzelne, sondern auch Politik und Wirtschaft, wenn ein neues Material als Ersatz für weniger Verbrauch angeboten wird. |

6. Die richtige Reihenfolge
Europa hat die Rangordnung im Umgang mit Abfall schon 2008 gesetzlich festgelegt. An erster Stelle steht die Vermeidung, danach folgen die Vorbereitung zur Wiederverwendung, das Recycling, die sonstige, etwa energetische Verwertung und zuletzt die Beseitigung (Richtlinie 2008/98/EG, Art. 4). Biologische Abbaubarkeit kommt in dieser Rangordnung nicht vor, und das hat einen guten Grund: Sie ist keine Art der Entsorgung, sondern eine Eigenschaft, die erst dann zählt, wenn alle Stufen versagt haben und ein Gegenstand in der Umwelt gelandet ist.
Tabelle 2: Die Rangordnung im Umgang mit Material, ergänzt um das Sicherheitsnetz
| Stufe | Was sie bedeutet | Beispiel aus dem Alltag |
| 1. Vermeiden | Was nicht entsteht, kann nicht verloren gehen. | Leitungswasser statt Wasser aus Einwegflaschen |
| 2. Wiederverwenden | Ein Gegenstand dient viele Male. | Mehrwegbecher am Christkindlmarkt, nachfüllbare Grablaterne |
| 3. Stofflich verwerten | Material wird zu neuem Material. | Sortenreine Sammlung von Glas, Metall und Kunststoff |
| 4. Energetisch verwerten, beseitigen | Was nicht verwertbar ist, wird kontrolliert behandelt. | Restmüll in die Verbrennung, nicht in die Landschaft |
| Sicherheitsnetz: Abbaubarkeit | Nur für Anwendungen, bei denen Verluste kaum vermeidbar sind. | Bestimmte Agrarfolien, die im Boden verbleiben |
Stufen 1 bis 4 nach der EU-Abfallrahmenrichtlinie 2008/98/EG; Sicherheitsnetz nach SAPEA 2020 und GCSA 2020.
7. Warum Proven by Nature trotzdem Biopolymere prüft
Wenn Abbaubarkeit nur ein Sicherheitsnetz ist, warum prüfen wir sie dann so genau? Weil Verluste nie ganz zu verhindern sind. Der Wind trägt Folien davon, auf Feldern und in der Fischerei geht Material verloren, Unfälle geschehen. Für all diese Fälle ist es ein gewaltiger Unterschied, ob ein Material nach Monaten verschwunden ist oder nach Jahrzehnten noch daliegt. Im Versuch von Lott und Kollegen baute sich das Polyethylen gar nicht ab (Lott et al. 2021).
Ein Sicherheitsnetz ist nur so viel wert, wie man sich darauf verlassen kann. Deshalb braucht es ehrliche Daten aus der wirklichen Umwelt, nicht Zertifikate aus Laborbedingungen und nicht die Versprechen der Werbung. Genau diese Daten liefert Proven by Nature. Wir prüfen dabei nicht, um Materialien schlechtzumachen. Wer sorgfältig entwickelt, ehrlich deklariert und offen dokumentiert, verdient Unterstützung. Greenwashing schadet nicht nur den Menschen, die darauf vertrauen, sondern auch genau diesen ehrlichen Entwicklern.
Unsere Prüfarbeit und der Grundsatz dieses Papiers stützen sich also gegenseitig. Weil wir wissen, wie lange selbst gute Materialien in der Natur überdauern, können wir glaubwürdig sagen, dass kein Material uns die Verantwortung abnimmt. Und weil wir diese Verantwortung ernst nehmen, wollen wir wissen, welches Sicherheitsnetz wirklich trägt.

8. Achtsamkeit als Haltung
Achtsamkeit heißt nicht Verzicht auf Lebensfreude, und sie heißt nicht, alles schwarz zu sehen. Es geht um eine Haltung, die sich im Alltag zeigt, nicht an einzelnen Aktionstagen: das Mitnehmen statt Liegenlassen, das Nachfüllen statt Neukaufen, das Nachfragen, bevor man einem Etikett glaubt. Wer achtsam lebt, nimmt Rücksicht auf andere Menschen, auf die Mitgeschöpfe und auf die, die nach uns kommen.
Der Philosoph Hans Jonas hat diesen Gedanken 1979 in seinem Werk „Das Prinzip Verantwortung“ zu einer Ethik für das technische Zeitalter entwickelt. Unser Handeln, so seine Forderung, müsse in seinen Wirkungen „verträglich mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ sein (Jonas 1979). Proven by Nature würde hinzufügen: auch mit dem Leben aller anderen Geschöpfe, mit denen wir diese Erde teilen.
Die Suche nach besseren Materialien ist wichtig, und wir werden sie mit aller Sorgfalt fortsetzen. Aber sie ist ein Beitrag zur Lösung, nicht die Lösung selbst. Die Natur prüft geduldig, was wir ihr überlassen, und sie hat das letzte Wort. Unser Teil ist, ihr möglichst wenig zu überlassen.
9. Argumente für die Diskussion
Die folgenden Einwände begegnen uns in Gesprächen, auf Veranstaltungen und in sozialen Medien immer wieder. Die Antworten fassen die Argumentation dieses Papiers zusammen.
Tabelle 3: Häufige Einwände und die Antworten von Proven by Nature
| Einwand | Antwort |
| „Wenn es abbaubar ist, kann es ja liegen bleiben.“ | Abbau braucht bestimmte Bedingungen und viel Zeit. Dasselbe Material braucht im Meer je nach Ort zwischen knapp zwei Monaten und mehreren Jahren, bis die Hälfte verschwunden ist. Bis dahin wirkt es wie jeder andere Abfall. |
| „Dann ist Bioplastik also auch nur Greenwashing?“ | Nein. Ehrlich deklarierte und geprüfte Materialien haben ihren Platz, vor allem dort, wo Verluste kaum vermeidbar sind. Greenwashing beginnt dort, wo ein Etikett mehr verspricht, als belegt ist. |
| „Bio ist natürlich, also harmlos.“ | Biobasiert, biologisch abbaubar und ungiftig sind drei verschiedene Dinge. Auch biobasierte Produkte enthalten oft Tausende Chemikalien, und der Zigarettenfilter aus Zellstoff ist für Fische hochgiftig. |
| „Die Technik wird das Problem lösen.“ | Bessere Materialien verkleinern den Bestand in der Umwelt, beseitigen ihn aber nicht, solange der Eintrag anhält. Entscheidend ist, weniger einzutragen. |
| „Achtsam leben heißt verzichten.“ | Achtsamkeit nimmt nichts von der Freude. Eine nachfüllbare Laterne leuchtet nicht weniger schön, ein Mehrwegbecher wärmt die Hände genauso. |
| „Warum prüft ihr dann überhaupt Biopolymere?“ | Weil Verluste nie ganz zu verhindern sind. Ob ein Sicherheitsnetz trägt, lässt sich nur unter realen Bedingungen zeigen. Genau das ist unsere Aufgabe. |
| Bedeutung für Proven by Nature Dieses Papier dient als Grundsatzdokument für die gesamte Kommunikation von Proven by Nature, für Vorträge, Schulprojekte, Gespräche mit Herstellern, Behörden und Medien. Der Grundsatz „Abbaubar ist kein Freibrief“ sollte in jeder Veröffentlichung über Biopolymere sinngemäß mitschwingen. In Texten von Proven by Nature steht „biologisch abbaubar“ nie ohne Angabe von Ort, Bedingungen und Zeitraum. Das entspricht auch der EU-Richtlinie 2024/825, die pauschale Umweltaussagen ohne Beleg seit dem 27. September 2026 untersagt. Bei Ergebnissen aus den eigenen Freilandversuchen wird stets beides gesagt: wie gut oder schlecht ein Material abgebaut wurde und dass auch ein gutes Ergebnis keine Erlaubnis zum Wegwerfen ist. Die Frage, ob abbaubare Kunststoffe zum Wegwerfen verleiten, ist offen. Proven by Nature behauptet hier nichts, was nicht belegt ist, und kann diese Forschungslücke etwa im Rahmen von Citizen-Science-Projekten mit Schulen thematisieren. |

Literatur
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Dilkes-Hoffman, L. et al. (2024): Do biodegradable plastics increase public acceptance of littering? Environmental Research Communications. https://doi.org/10.1088/2515-7620/ad9817
Europäisches Parlament und Rat (2008): Richtlinie 2008/98/EG über Abfälle (Abfallrahmenrichtlinie), Artikel 4: Abfallhierarchie. Amtsblatt der EU L 312: 3–30.
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