Was außer Kunststoff noch in Kunststoff steckt, auch in Biokunststoff
Kunststoff ist nie nur Kunststoff. Weichmacher, Stabilisatoren, Farbstoffe, Flammschutzmittel und unbeabsichtigte Nebenprodukte machen aus einem Polymer erst ein Produkt. Eine Studie in Nature hat sie erstmals umfassend gezählt, mit Folgen auch für Biokunststoffe.
Ein internationales Team hat 2025 alle bekannten Chemikalien erfasst, die in Kunststoffen vorkommen oder bei ihrer Herstellung eingesetzt werden. Es kam auf 16.325 Substanzen, darunter 5.776 Zusatzstoffe, fast 3.500 Verarbeitungshilfen und rund 1.800 Stoffe, die niemand absichtlich zugesetzt hat, etwa Verunreinigungen und Abbauprodukte. Mehr als 4.200 davon, also rund ein Viertel, stufen die Forschenden als bedenklich ein: Sie sind langlebig, reichern sich in Lebewesen an, sind in Wasser besonders mobil oder giftig. Für viele weitere fehlen schlicht grundlegende Daten (Monclús et al. 2025).

Und die Biokunststoffe?
„Bio“ heißt nicht chemiefrei. Auch Biokunststoffe brauchen Zusatzstoffe, damit sie formbar, stabil und haltbar werden. Eine Studie aus dem Jahr 2024 hat Auszüge aus handelsüblichen biobasierten Kunststoffen an Meeresplankton getestet. PLA und herkömmliches Polypropylen zeigten kaum Wirkung. Auszüge aus PHBV dagegen, einem gut abbaubaren Biokunststoff, waren für das Plankton bis zu zehnmal schädlicher. Darin fanden sich unter anderem eine chlorierte Phenolverbindung und mehrere Tenside (Laranjeiro et al. 2024). Eine weitere aktuelle Untersuchung von 17 biobasierten und abbaubaren Lebensmittelverpackungen wies in Zelltests je nach Material zellschädigende, entzündungsfördernde oder hormonähnliche Wirkungen nach (Vázquez-Loureiro et al. 2026).
Das bedeutet nicht, dass Biokunststoffe grundsätzlich gefährlicher wären. Es bedeutet, dass das Polymer allein wenig über ein Produkt verrät. Entscheidend ist die gesamte Rezeptur, und genau die ist meist Betriebsgeheimnis.
Wie groß diese Lücke sein kann, hat unsere abgeschlossene Vorstudie (2023–2025) gezeigt. Keiner der deklarierten Zusatzstoffe war im untersuchten Material nachweisbar, dafür mehrere nicht angegebene. Rund ein Viertel der Granulatkörner war besonders reich an Zusatzstoffen. Genau diese Körner wurden im Freiland weder von Mikroorganismen besiedelt noch abgebaut.

Die Anreicherung persistenter organischer Schadstoffe (POPs) in marinen Nahrungsnetzen am Beispiel der polychlorierten Biphenyle (PCBs). POPs sind Chemikalien, die in der Umwelt außerordentlich langlebig sind. Ihre lange Halbwertszeit, ihre Anreicherung in Lebewesen und ihr weiträumiger Transport über Atmosphäre und Meeresströmungen machen sie zu einer der gefährlichsten Schadstoffklassen überhaupt; PCBs gehören dazu. Als Beispiel dient hier eine Robbe; ähnlich stark belastet sind Delfine, Schwertwale und andere Tiere an der Spitze des Nahrungsnetzes, etwa große Raubfische und Seeadler. Bei ihnen zeigt sich die volle Tragweite dessen, was „persistent“ bedeutet: Jede Stufe des Nahrungsnetzes konzentriert die Schadstoffe weiter, ein Vorgang, den die Wissenschaft Biomagnifikation nennt. Die Stoffe werden im Fettgewebe gespeichert und reichern sich über das ganze Leben eines Tieres an. An der Spitze dieser Pyramide steht auch der Mensch. Aufgenommen werden PCBs vor allem mit der Nahrung. Mikroplastik spielt dabei eine Nebenrolle, ist aber dennoch bedeutsam: Wasserabweisende Schadstoffe lagern sich bevorzugt an Kunststoffoberflächen an, werden so über weite Strecken verfrachtet und gelangen mit verschluckten Partikeln in Organismen, die zudem die Zusatzstoffe der Kunststoffe selbst aufnehmen. Das gilt auch für Biokunststoffe, die in der Umwelt nicht vollständig abgebaut werden, sondern in Fragmente zerfallen. Die Meere sind letztlich das Endlager eines großen Teils der toxischen Fracht aus Industrie und Landwirtschaft, ergänzt um Antibiotikareste und hormonell wirksame Stoffe aus Aquakulturen und Kläranlagen. Deshalb bezeichnet die Wissenschaft die Ozeane als „Senke“. Nach Hofrichter (2020), verändert.
Was wir tun
Proven by Nature untersucht deshalb nicht nur, ob ein Material zerfällt, sondern auch, was es enthält und was dabei frei wird. Gemeinsam mit Partnerlaboren analysieren wir Proben vor und nach der Freilandauslage, in Kooperation mit dem WWF Österreich. Unsere Forderung an Politik und Hersteller ist klar: Wer einen Kunststoff als umweltfreundlich bewirbt, sollte offenlegen, was darin steckt. Mit dem Schulprojekt PLASTIKLAR stellen wir Jugendlichen die einfachste Forscherfrage: Was ist da eigentlich drin? Machen Sie mit oder unterstützen Sie unsere Arbeit.
Quellen
Laranjeiro, F., Rotander, A., López-Ibáñez, S. et al. (2024): Comparative assessment of the acute toxicity of commercial bio-based polymer leachates on marine plankton. Science of the Total Environment 946: 174403. https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2024.174403
Monclús, L., Arp, H. P. H., Groh, K. J., Faltynkova, A., Løseth, M. E., Muncke, J., Wang, Z., Wolf, R., Zimmermann, L. & Wagner, M. (2025): Mapping the chemical complexity of plastics. Nature 643: 349–355. https://doi.org/10.1038/s41586-025-09184-8
Vázquez-Loureiro, P., Cariou, R., Barbosa-Pereira, L. et al. (2026): Evaluating the chemical safety of bio-based and biodegradable food packaging materials through non-targeted LC-HRMS analysis and in vitro bioassays. Analytical and Bioanalytical Chemistry 418: 1155–1178. https://doi.org/10.1007/s00216-025-06268-2


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