Warum ein Zertifikat für 0,05 Millimeter wenig über 3 Millimeter aussagt
Ein Biokunststoff wird an einer Folie geprüft, die etwa so dünn ist wie ein menschliches Haar, und besteht. Aus demselben Material entstehen dann Becher und Schalen mit Wänden von mehreren Millimetern. Das Zertifikat ist echt. Und trotzdem kann es in die Irre führen.
In unserer abgeschlossenen Vorstudie (2023–2025) fanden wir Folgendes: Das Rohmaterial trug zwei Zertifikate: eines für den Abbau im Meerwasser, geprüft an Mustern von rund 52 Mikrometern Dicke, und eines für den Heimkompost, geprüft an rund 600 Mikrometern. Die Produkte aus diesem Material hatten dagegen Wandstärken von 0,5 bis 3,3 Millimetern, also das Zehn- bis Sechzigfache der Meerwasser-Prüfmuster. Im Freiland war nach 18 Monaten keine einzige Probe vollständig abgebaut.

Warum die Dicke entscheidet
Mikroorganismen fressen sich nicht durch einen Kunststoff hindurch, sie tragen ihn Schicht für Schicht von der Oberfläche ab. Wie schnell das geht, hat ein australisches Team an Platten aus PHBV gemessen, einem der am besten abbaubaren Biokunststoffe überhaupt. Die 150 Mikrometer dünnen Platten würden am Meeresboden voraussichtlich vier bis neun Monate überdauern, an der Wasseroberfläche ein bis zwei Jahre. Die Forschenden geben die Abbaurate pro Quadratzentimeter Oberfläche an, denn der Abbau schreitet von außen nach innen fort (Read et al. 2024).
Rechnet man das vereinfacht auf eine Becherwand von 3 Millimetern hoch, also das Zwanzigfache, landet man am Meeresboden bei grob sieben bis fünfzehn Jahren, an der Oberfläche bei mehreren Jahrzehnten. Das ist nur ein Anhaltspunkt, denn Kristallinität, Zusatzstoffe und Temperatur verändern das Bild, die Richtung aber ist eindeutig. Umgekehrt zeigen aktuelle Freilandversuche, wie schnell es bei sehr dünnem Material gehen kann: Abbaubare Folien von 12 bis 15 Mikrometern verloren im Meer innerhalb von neun Wochen mindestens 96 % ihrer Masse (Courtene-Jones et al. 2026).
Seriöse Zertifikate geben deshalb eine maximale Wandstärke an, bis zu der sie gelten. Nur steht diese Angabe auf keiner Verpackung, und kaum jemand liest das Zertifikat selbst. Wer einen dickwandigen Becher mit dem Hinweis „meeresabbaubar“ kauft, kann nicht erkennen, ob das Zertifikat für genau dieses Produkt gilt.
Was wir tun
Proven by Nature prüft deshalb nicht Folien, sondern reale Produkte und definierte Stufenprüfkörper mit unterschiedlichen Wandstärken, im Meer, in Bächen, Seen und Böden. So wird sichtbar, ab welcher Dicke ein Material in der Natur an seine Grenzen stößt. Wir arbeiten ergebnisoffen und in Kooperation mit dem WWF Österreich. Unser Ziel ist eine einfache, ehrliche Regel, die jeder versteht: Auf die Verpackung gehört, für welche Wandstärke, welchen Lebensraum und welchen Zeitraum eine Abbau-Aussage gilt.
Mit unserem Schulprojekt PLASTIKLAR wollen wir Jugendliche selbst nachmessen lassen. Machen Sie mit, betreuen Sie einen Standort oder unterstützen Sie unsere Arbeit. Denn ein Zertifikat ist nur so viel wert wie seine Übereinstimmung mit dem Produkt in Ihrer Hand.

Quellen
Courtene-Jones, W., Cole, M., Coppock, R. L., Fullarton, A., Scott, H. D. L., Lindeque, P. K. & Thompson, R. C. (2026): Minimal contribution of bioerosion in the deterioration of biodegradable plastics in the marine environment: evidence from laboratory and field experiments. Environmental Pollution 405: 128491. https://doi.org/10.1016/j.envpol.2026.128491
Read, T., Chaléat, C., Laycock, B., Pratt, S., Lant, P. & Chan, C. M. (2024): Lifetimes and mechanisms of biodegradation of polyhydroxyalkanoate (PHA) in estuarine and marine field environments. Marine Pollution Bulletin 209: 117114. https://doi.org/10.1016/j.marpolbul.2024.117114


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