Über Ohnmacht und Verantwortung im Zeitalter des Plastiks und warum Hoffnung etwas anderes ist als Optimismus
Ein Essay von Robert Hofrichter · Proven by Nature · September 2026

Sieben von neun planetaren Belastungsgrenzen sind überschritten, das weltweite Plastikabkommen ist vorerst gescheitert, und im Supermarkt prangen grüne Blätter auf Verpackungen, deren Versprechen niemand prüfen kann. Was kann ein einzelner Mensch da noch ausrichten? Zwei Sätze aus dem 20. Jahrhundert helfen, die Frage ehrlich zu beantworten. Die Antwort ist unbequem, aber sie endet nicht in Resignation.
Zwei Sätze, die nicht loslassen
„Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.“
Friedrich Dürrenmatt, 21 Punkte zu den Physikern (1962)
„Der endgültig entfesselte Prometheus, dem die Wissenschaft nie gekannte Kräfte und die Wirtschaft den rastlosen Antrieb gibt, ruft nach einer Ethik, die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden.“
Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung (1979)
Wenn wir von Umwelt sprechen, sprechen wir von jenem Raum, der unsere elementarsten Lebensbedürfnisse sichert: Luft, Wasser, Boden, Nahrung. Wir sprechen von einer Welt, in der jede und jeder Einzelne weniger ist als eine Ameise. Und doch ist es diese Ameise, die verzweifelt versucht, in allem einen Sinn zu finden und einen Beitrag zu leisten, für sich und für ihre Mitameisen.
Dürrenmatt und Jonas beschreiben die beiden Seiten eines Dilemmas, das jede Umweltdiskussion durchzieht: die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber dem System und zugleich die Unmöglichkeit, sich deshalb aus der Verantwortung zu stehlen. Beide Sätze haben recht. Gerade darin liegt ihre Kraft.
Die Falle des Einzelnen
Dürrenmatt hat seinen Satz über die Atomphysik geschrieben, aber er passt erschreckend genau auf unsere Lage. Wer glaubt, durch konsequenten Verzicht im Alltag die Welt zu retten, betreibt oft eine Art moralische Einzelgymnastik. Sie ehrt den Menschen, ändert an den globalen Kurven aber messbar wenig. Energienetze, Massenproduktion und globale Lieferketten sind so gebaut, dass ihr Weiterlaufen stärker ist als die gute Absicht eines Einzelnen.
Jahrelang wurde uns zudem eingeredet, wir könnten den Planeten an der Supermarktkasse retten: Jeder Einkauf sei ein Stimmzettel. Dieses Bild ist bequem, aber für wen? Es entlastet Politik und Industrie von ihrer eigentlichen Verantwortung und schiebt sie den Kundinnen und Kunden zu. Wenn es keine echte Alternative gibt oder sie unbezahlbar ist, verpufft der gute Wille. Dürrenmatt hat das in einem zweiten Satz derselben Schrift auf den Punkt gebracht: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“ Das ist keine Entschuldigung für Untätigkeit. Es ist eine Wegbeschreibung.
Der entfesselte Prometheus
Hans Jonas antwortet auf dieselbe Lage aus der anderen Richtung. Wissenschaft und Wirtschaft haben dem Menschen eine Macht verliehen, die alle früheren Grenzen sprengt. Eine solche Macht braucht eine Ethik, die nicht nur das Hier und Jetzt bedenkt, sondern die Folgen für kommende Generationen. Sein Imperativ lautet: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“
Wenn Institutionen träge sind oder versagen, entbindet das niemanden von dieser Verantwortung. Staaten und Konzerne bestehen aus Menschen. Und individuelles Handeln wirkt weit über seinen unmittelbaren Effekt hinaus: Was heute als Ausnahme gilt, wird oft erst durch Pioniere und Bewegungen zur Norm. Die Forschung spricht von sozialen Kipppunkten. In Experimenten genügte eine entschlossene Minderheit von rund einem Viertel der Gruppe, um eine etablierte Konvention zu kippen (Centola et al. 2018). Ohne solchen Druck von unten ringen sich Regierungen selten zu harten Gesetzen durch.

Der Fall Plastik
Man steht im Supermarkt vor einem Regal voller Verpackungen. Grüne Blätter, „bio“, „klimaneutral“, „zu 100 % recycelbar“. Und man spürt, dass vieles davon nicht stimmen kann. Doch wer hungrig, gestresst und mit begrenztem Budget einkauft, hat weder Zeit noch Labor, um die Ökobilanz einer Verpackung zu prüfen. Selbst Fachleute können es oft nicht. Die Freiheit der Konsumentscheidung ist hier weitgehend eine Illusion.
Eigentlich müssten die Mächtigen entscheiden, was auf den Markt darf und was nicht. Doch Lobbyismus, wirtschaftliche Zwänge und der Blick auf die nächste Wahl bremsen. Die Politik denkt in Wahlperioden, die Umweltkrise in Jahrzehnten und Jahrhunderten. Wie zäh das ist, zeigt das geplante UN-Abkommen gegen Plastikverschmutzung: Im August 2025 endeten die Verhandlungen in Genf ohne Einigung. Erdölproduzierende Staaten wehren sich gegen jede Begrenzung der Kunststoffproduktion, die nächste formelle Verhandlungsrunde ist erst für März 2027 angesetzt. Dabei ist die planetare Grenze für „neuartige Stoffe“, zu denen Kunststoffe zählen, nach wissenschaftlicher Einschätzung bereits überschritten (Persson et al. 2022). Seit 1950 wurden mehr als acht Milliarden Tonnen Kunststoff hergestellt, nur rund 9 % davon wurden je recycelt (Geyer et al. 2017).
Und doch bin ich nicht bereit, an dieser Stelle aufzuhören. Denn genau hier, wo Konsument und Politik versagen, öffnet sich ein dritter Weg.
Sieben von neun und was das wirklich bedeutet
Zuvor aber ein Wort zur Genauigkeit, denn sie ist in diesen Fragen keine Pedanterie. Die Zahl „sieben von neun“ bezieht sich auf die planetaren Belastungsgrenzen, nicht auf Kipppunkte. Laut dem Planetary Health Check des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung sind sieben dieser neun Grenzen überschritten: Klima, Unversehrtheit der Biosphäre, Landnutzung, Süßwasser, Stickstoff- und Phosphorkreisläufe, neuartige Stoffe und seit 2025 auch die Versauerung der Ozeane. Kipppunkte dagegen sind Schwellen, jenseits derer sich ein Teil des Erdsystems selbst verstärkend verändert. Den ersten davon haben wir nach dem Global Tipping Points Report 2025 tatsächlich erreicht: Die Warmwasser-Korallenriffe sterben großflächig ab. Als Meeresbiologe, der Riffe über Jahrzehnte betaucht hat, schreibe ich diesen Satz nicht leichtfertig.
Trotzdem ist es wissenschaftlich falsch zu sagen: Jetzt ist alles vorbei. Eine überschrittene Grenze ist kein Schalter, der von „gut“ auf „Weltuntergang“ springt. Sie bedeutet, dass das Risiko steigt, Systeme dauerhaft zu destabilisieren. Zwischen „alles gerettet“ und „alles verloren“ liegt ein riesiger Raum möglicher Zukünfte. Jedes Zehntelgrad weniger Erwärmung, jede Tonne Plastik weniger in der Umwelt, jedes stabilisierte Ökosystem zählt. Schadensbegrenzung ist kein Zweckoptimismus. Sie ist Notwehr.
Und es gibt Belege, dass Umkehr möglich ist. Die Ozonschicht erholt sich, seit die Staatengemeinschaft 1987 im Montreal-Protokoll die ozonschädigenden Stoffe verboten hat. Wind- und Solarenergie haben weltweit selbst einen positiven Kipppunkt überschritten: Sie sind vielerorts schlicht billiger geworden. Die Menschheit hat schon bewiesen, dass sie gemeinsam die Richtung ändern kann, wenn der Druck groß genug und das Wissen klar genug ist.

Optimismus oder Hoffnung?
Ist angesichts all dessen jedes positive Wort nur noch Zweckoptimismus? Hier hilft eine Unterscheidung. Optimismus ist eine Prognose: Es wird schon gut ausgehen. Er verführt zum Abwarten, die Technik werde es richten. Hoffnung dagegen ist eine Haltung. Václav Havel, der Dissident, der später Präsident wurde, hat sie so beschrieben: Hoffnung sei nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. Optimismus ist eine Wette auf den Ausgang. Hoffnung ist eine Entscheidung für den Weg.
Diese Unterscheidung ist nicht nur philosophisch. Die schwedische Psychologin Maria Ojala hat bei über tausend Jugendlichen und jungen Erwachsenen untersucht, wie Hoffnung mit Umweltengagement zusammenhängt. Konstruktive Hoffnung, die den Ernst der Lage anerkennt und dennoch an Lösungen glaubt, ging mit mehr Engagement einher. Hoffnung, die auf Verharmlosung beruht, mit weniger (Ojala 2012). Die ehrliche Wahrheit lähmt also nicht. Lähmend wirkt sie erst, wenn man mit ihr allein gelassen wird.

Was wir der Jugend schulden
In einer Befragung von 10.000 jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren in zehn Ländern gaben 59 % an, sehr oder extrem besorgt über den Klimawandel zu sein; fast die Hälfte sagte, diese Gefühle beeinträchtigten ihren Alltag (Hickman et al. 2021). Junge Menschen merken sofort, wenn Erwachsene ihnen die Welt schönreden. Sie durchschauen leere Versprechen so schnell wie Greenwashing. Was wir ihnen schulden, sind drei ehrliche Sätze.
Erstens: Eure Sorge ist berechtigt. Sie ist keine Hysterie, sondern eine realistische Reaktion auf eine reale Bedrohung, und wir Älteren haben zu diesem Zustand beigetragen. Zweitens: Niemand verlangt, dass ihr die Welt im Alleingang rettet. Ihr müsst nicht perfekt einkaufen, und vom falschen Joghurtbecher hängt nicht das Schicksal des Planeten ab. Ihr dürft euch aber zusammentun, Fragen stellen und Antworten einfordern. Drittens: Sinn entsteht im Tun, nicht erst im Ergebnis. Wer sich einsetzt, kann verlieren. Wer sich nicht einsetzt, hat schon verloren.
Vom Konsumenten zum Mitforschenden
Hier liegt der dritte Weg, der aus Dürrenmatts Falle herausführt, ohne Jonas’ Anspruch aufzugeben. Als einzelne Käuferin oder einzelner Käufer ist man machtlos gegenüber der Flut grüner Versprechen. Als Gemeinschaft, die nachmisst, ist man es nicht mehr. Eine einzelne Ameise trägt ein Krümelchen. Ein Ameisenvolk verändert eine Landschaft.
Genau das ist der Gedanke von Citizen Science, der Bürgerwissenschaft: Menschen ohne Laborkittel, Schülerinnen und Schüler, Familien, Taucherinnen und Gärtner, sammeln nach wissenschaftlichen Regeln Daten, die Forschungsinstitute allein nie erheben könnten. Wer selbst Proben in einen Bach legt, sie über Monate beobachtet und am Ende sieht, was von einem angeblich abbaubaren Becher übrig ist, lässt sich von keinem grünen Blatt auf der Verpackung mehr täuschen. Und wenn viele solche Daten öffentlich werden, entsteht ein Druck, den auch Lobbyisten auf Dauer nicht ignorieren können. Daten sind leiser als Parolen, aber sie halten länger.
Wenn mich jemand fragt, ob junge Menschen sich eher engagieren, wenn man ihnen die ganze, ungeschönte Wahrheit sagt, oder ob sie das noch tiefer in die Ohnmacht treibt, dann muss ich ehrlich antworten: Ich weiß es nicht sicher. Niemand weiß es. Aber ich weiß, was mir in vielen Jahren mit Schulklassen am Meer und im Freiland begegnet ist: Die Ohnmacht weicht in dem Moment, in dem Jugendliche nicht mehr nur zuhören, sondern selbst messen, beobachten und Fragen stellen dürfen, auf die auch die Erwachsenen noch keine Antwort haben.

Machen Sie mit
Proven by Nature ist eine unabhängige wissenschaftliche Initiative, die in Kooperation mit dem WWF Österreich prüft, was Biokunststoffe in der Natur tatsächlich tun: im Meer, in Seen und Bächen, in Böden und im Kompost, ergebnisoffen und nach wissenschaftlichen Standards. Mit unserem Schulprojekt PLASTIKLAR wollen wir Jugendliche zu Mitforschenden machen, die selbst herausfinden, was hinter dem Etikett steckt.
Wir suchen Schulen und Lehrkräfte, die mitforschen wollen. Wir suchen Menschen, die einen sicheren Freilandstandort betreuen, ob Gartenteich, Bach oder Meeresbucht. Wir suchen Fachleute, die ihr Wissen teilen, und Unterstützerinnen und Unterstützer, die unabhängige Forschung möglich machen. Und wir suchen jeden, der diesen Text weitergibt. Denn was alle angeht, können nur alle lösen. Beginnen können wir aber heute, gemeinsam. Das letzte Wort hat die Natur. Das erste haben wir.
Literatur und Quellen
Centola, D., Becker, J., Brackbill, D. & Baronchelli, A. (2018): Experimental evidence for tipping points in social convention. Science 360(6393): 1116–1119. https://doi.org/10.1126/science.aas8827
Dürrenmatt, F. (1962): Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten. Mit „21 Punkte zu den Physikern“. Zürich: Arche (heute Diogenes, Werkausgabe Bd. 7).
Geyer, R., Jambeck, J. R. & Law, K. L. (2017): Production, use, and fate of all plastics ever made. Science Advances 3(7): e1700782. https://doi.org/10.1126/sciadv.1700782
Havel, V. (1987): Fernverhör. Ein Gespräch mit Karel Hvížďala. Reinbek: Rowohlt.
Hickman, C., Marks, E., Pihkala, P., Clayton, S., Lewandowski, R. E., Mayall, E. E., Wray, B., Mellor, C. & van Susteren, L. (2021): Climate anxiety in children and young people and their beliefs about government responses to climate change: a global survey. The Lancet Planetary Health 5(12): e863–e873. https://doi.org/10.1016/S2542-5196(21)00278-3
Jonas, H. (1979): Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt am Main: Insel (Taschenbuch: Suhrkamp 1984).
Lenton, T. M. et al. (Hrsg.) (2025): Global Tipping Points Report 2025. University of Exeter. https://global-tipping-points.org
Ojala, M. (2012): Hope and climate change: the importance of hope for environmental engagement among young people. Environmental Education Research 18(5): 625–642. https://doi.org/10.1080/13504622.2011.637157
Persson, L., Carney Almroth, B. M., Collins, C. D., Cornell, S., de Wit, C. A., Diamond, M. L., Fantke, P., Hassellöv, M., MacLeod, M., Ryberg, M. W., Søgaard Jørgensen, P., Villarrubia-Gómez, P., Wang, Z. & Hauschild, M. Z. (2022): Outside the safe operating space of the planetary boundary for novel entities. Environmental Science & Technology 56(3): 1510–1521. https://doi.org/10.1021/acs.est.1c04158
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (2025, 2026): Planetary Health Check 2025 und 2026. https://www.planetaryhealthcheck.org
Richardson, K. et al. (2023): Earth beyond six of nine planetary boundaries. Science Advances 9(37): eadh2458. https://doi.org/10.1126/sciadv.adh2458
UNEP (2025, 2026): Intergovernmental Negotiating Committee on Plastic Pollution. https://www.unep.org/inc-plastic-pollution


Schreibe einen Kommentar