Mikroplastik im Gehirn

•

Was eine vielbeachtete Studie fand, was Fachleute daran kritisieren und was wir daraus lernen sollten

Kaum eine Studie über Mikroplastik hat so viel Aufsehen erregt: Im menschlichen Gehirn sollen sich mehr Kunststoffpartikel finden als in Leber und Niere, mit steigender Tendenz. Die Debatte danach ist mindestens ebenso lehrreich wie die Schlagzeilen.

Gehirn des Delfins Lagenorhynchus obliquidens aus dem Okinawa Churaumi Aquarium, Wikimedia Commons. Wie Meerestiere und alle Organismen (Pflanzen, Pilze, Tiere…), sind auch Menschen durch winzige Plastikpartikel belastet.

Ein Team um Matthew Campen (University of New Mexico) untersuchte Gewebe Verstorbener aus den Jahren 2016 und 2024. Im Gehirn fanden die Forschenden deutlich höhere Kunststoffkonzentrationen als in Leber und Niere, vor allem Polyethylen, das häufigste Verpackungsplastik. Die Proben aus dem Jahr 2024 enthielten mehr als jene von 2016. Bei Menschen, die an Demenz erkrankt waren, lagen die Werte noch höher (Nihart et al. 2025). Ein Zusammenhang ist allerdings kein Beweis für eine Ursache: Ob Mikroplastik zu Demenz beiträgt oder ob ein erkranktes Gehirn Partikel schlechter ausscheidet, lässt sich daraus nicht ablesen.

Die Kritik

Wenige Monate später meldete sich eine internationale Gruppe von Analytikerinnen und Analytikern in derselben Fachzeitschrift zu Wort (Fazel et al. 2025). Ihr Haupteinwand betrifft die Messmethode. Das Gehirn besteht in der Trockenmasse zu rund 60 % aus Fett, und beim verwendeten Verfahren, der Pyrolyse-Gaschromatographie mit Massenspektrometrie, können körpereigene Fette Signale erzeugen, die jenen von Polyethylen ähneln. Hinzu kamen unzureichend dokumentierte Kontrollen gegen Verunreinigung und fehlende Validierungsschritte. Die absoluten Mengen könnten daher überschätzt sein. Die Autoren haben geantwortet und ihre Methode verfeinert, die Debatte ist offen.

Unstrittig ist dagegen, dass Mikro- und Nanoplastik inzwischen in zahlreichen menschlichen Geweben nachgewiesen wurde. Besonders aufrüttelnd war eine Studie im New England Journal of Medicine: Bei Patientinnen und Patienten, in deren Halsschlagader-Ablagerungen Kunststoffpartikel gefunden wurden, traten Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod in den folgenden knapp drei Jahren deutlich häufiger auf (Marfella et al. 2024). Auch hier gilt: Ein Zusammenhang ist gezeigt, die Ursache noch nicht.

Was folgt daraus? Nicht Panik, aber Vorsorge. Wenn wir einen Stoff in unserem Körper finden, dessen Wirkung wir noch nicht verstehen, ist es vernünftig, die Zufuhr zu verringern, bevor alle Fragen beantwortet sind. Gute Wissenschaft erkennt man auch daran, dass sie ihre eigenen Befunde kritisch prüft.

Was wir tun

Mikroplastik entsteht nicht nur aus herkömmlichem Kunststoff. Auch Biokunststoffe zerfallen in der Natur häufig zunächst in kleine Fragmente, bevor sie, wenn überhaupt, vollständig abgebaut werden. Proven by Nature prüft im Freiland, ob und wie schnell aus angeblich abbaubaren Materialien Mikroplastik wird, ergebnisoffen und in Kooperation mit dem WWF Österreich. Mit PLASTIKLAR zeigen wir Jugendlichen, wie Wissenschaft funktioniert, mit Zweifel und Widerspruch. Machen Sie mit oder unterstützen Sie unsere Arbeit.

Quellen

Fazel, A. M., Materić, D., Valsami-Jones, E. et al. (2025): Challenges in studying microplastics in human brain. Nature Medicine 31: 4034–4035. https://doi.org/10.1038/s41591-025-04045-3

Marfella, R., Prattichizzo, F., Sardu, C. et al. (2024): Microplastics and nanoplastics in atheromas and cardiovascular events. New England Journal of Medicine 390: 900–910. https://doi.org/10.1056/NEJMoa2309822

Nihart, A. J., Garcia, M. A., El Hayek, E. et al. (2025): Bioaccumulation of microplastics in decedent human brains. Nature Medicine 31: 1114–1119. https://doi.org/10.1038/s41591-024-03453-1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert