Warum die Korallenriffe uns alle betreffen und was trotzdem Hoffnung macht

•

Lange war von Kipppunkten im Erdsystem nur im Konjunktiv die Rede. Seit 2025 ist das anders: Nach Einschätzung von über 160 Forschenden haben die Warmwasser-Korallenriffe als erstes System ihre kritische Schwelle überschritten.

Ich habe in über 3.000 Tauchgängen Korallenriffe im Roten Meer, auf den Malediven und den Seychellen erlebt. Wer einmal über einem intakten Riff geschwebt ist, vergisst diese Farbenpracht nie. Umso schwerer wiegt, was die Wissenschaft heute festhält. Von Anfang 2023 bis Mitte 2025 lief die vierte und bisher schwerste globale Korallenbleiche. Hitzestress in Bleiche-Stärke traf rund 84 % der Riffflächen der Welt, Massenbleichen wurden in mindestens 83 Ländern und Territorien dokumentiert. Zum Vergleich: 1998 waren es 21 %, 2010 37 %, zwischen 2014 und 2017 68 % (NOAA Coral Reef Watch 2026). Die internationale Riffforschung fordert angesichts dieses Ereignisses ohne Beispiel sofortiges Handeln (Reimer et al. 2024).

Der Global Tipping Points Report 2025 zieht daraus die Konsequenz: Warmwasser-Riffe kippen nach bester Schätzung schon bei etwa 1,2 °C globaler Erwärmung, die Erde liegt bereits bei rund 1,4 °C. Fast eine Milliarde Menschen und ein Viertel aller Meereslebewesen hängen von Korallenriffen ab. Sieben von neun planetaren Belastungsgrenzen sind inzwischen überschritten, darunter jene für neuartige Stoffe wie Kunststoffe (Richardson et al. 2023; Planetary Health Check 2025).

Auch Plastik setzt Riffen zu. Eine große Feldstudie an 159 Riffen im Asien-Pazifik-Raum fand: Korallen, die mit Kunststoffabfall in Berührung kamen, erkrankten mit einer Wahrscheinlichkeit von 89 %, ohne Plastikkontakt nur mit 4 % (Lamb et al. 2018). Riffschutz heißt also: Erwärmung und Müll zugleich bekämpfen.

Warum ich trotzdem hoffe

Ein Kipppunkt ist kein Weltuntergang an einem bestimmten Tag. Er bedeutet, dass sich ein System grundlegend verändert und vieles verloren geht, aber nicht alles. Widerstandsfähige Riffe werden länger überdauern, und jedes Zehntelgrad entscheidet mit. Zugleich zeigt derselbe Bericht, dass es auch positive Kipppunkte gibt: Wind- und Solarenergie sind vielerorts billiger geworden als fossile Energie und setzen sich von selbst durch. Die Ozonschicht erholt sich, seit die Welt 1987 im Montreal-Protokoll die schädlichen Stoffe verboten hat. Umsteuern ist möglich.

Was wir tun

Proven by Nature arbeitet dort, wo wir etwas beitragen können: bei der Frage, welche Kunststoffe und Biokunststoffe im Meer tatsächlich verschwinden und welche zu Mikroplastik werden. Wir prüfen das im Freiland, unter anderem im Meer vor Krk, geplant auch an Nordsee und Rotem Meer, in Kooperation mit dem WWF Österreich. Mit unserem Schulprojekt PLASTIKLAR wollen wir Jugendliche zu Mitforschenden machen, denn sie werden die Riffe von morgen verteidigen. Machen Sie mit oder unterstützen Sie unsere Arbeit.

Quellen

Reimer, J. D., Peixoto, R. S., Davies, S. W. et al. (2024): The Fourth Global Coral Bleaching Event: Where do we go from here? Coral Reefs 43(4): 1121–1125. https://doi.org/10.1007/s00338-024-02504-w Richardson, K., Steffen, W., Lucht, W. et al. (2023): Earth beyond six of nine planetary boundaries. Science Advances 9(37): eadh2458. https://doi.org/10.1126/sciadv.adh2458 Lamb, J. B., Willis, B. L., Fiorenza, E. A. et al. (2018): Plastic waste associated with disease on coral reefs. Science 359(6374): 460–462. https://doi.org/10.1126/science.aar3320 Berichte: Global Tipping Points Report 2025 (Univ. Exeter); NOAA Coral Reef Watch 2026; PIK Planetary Health Check 2025.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert