ALLERSEELEN & THEMA DER SAISON: Was vom Licht bleibt

•

Grablichter zu Allerheiligen: wie viel Abfall entsteht, woraus er besteht, was danach mit ihm geschieht – und wie sich Gedenken und Rücksicht auf die Umwelt verbinden lassen

Ein Licht auf dem Grab ist eine der schönsten Gesten, die wir kennen. Es sagt ohne Worte: Ich denke an dich. Niemand möchte daran rütteln, und wir auch nicht. Gerade weil uns dieses Zeichen wichtig ist, lohnt aber ein ruhiger Blick darauf, was nach Allerheiligen von den vielen Lichtern übrig bleibt. Die Zahlen überraschen, und die Lösungen sind einfacher, als man denkt. Es geht nicht um weniger Gedenken, sondern um weniger Abfall.

Kein Spielverderber, sondern eine Frage

Traditionen geben Halt. Sie verbinden Generationen, und die Tage um Allerheiligen und Allerseelen sind für viele Familien Tage der Begegnung und der Erinnerung. Dieser Beitrag will niemandem das Trauern erschweren und niemandem ein schlechtes Gewissen machen. Er stellt eine einfache Frage: Lässt sich das, was wir aus Liebe und Respekt tun, so tun, dass es auch den Lebenden und den nach uns Kommenden nicht schadet?

Wie viel Abfall entsteht?

Für Wien liegen Zahlen der Friedhöfe Wien vor, die 46 Friedhöfe mit mehr als 550.000 Gräbern betreuen. 2022 fielen dort 424 Tonnen Abfall allein aus Grablichtern an. In einem ruhigen Monat wie August sind es etwa 20 Tonnen, in den Wochen um Allerheiligen rund 70 Tonnen (Angaben der Friedhöfe Wien, veröffentlicht von Kommunal).

Die gründlichste wissenschaftliche Untersuchung zum Friedhofsabfall stammt aus Polen, wo die Tradition der Grablichter besonders stark ist. Anna Janda und Tadeusz Marcinkowski haben ein Jahr lang den Abfall von sechs städtischen Friedhöfen in Breslau (Wrocław) erfasst: 2.300 Tonnen pro Jahr, gut ein Prozent des gesamten städtischen Haushaltsabfalls. Mehr als 60 Prozent davon fielen im letzten Quartal an, also rund um Allerheiligen und Weihnachten (Janda & Marcinkowski 2022).

Woraus ein Grablicht besteht

Ein typisches Grablicht ist ein Verbund aus mehreren Materialien: ein Glas- oder Kunststoffbecher, ein Metalldeckel als Windschutz und ein Einsatz aus Kunststoff, gefüllt mit Paraffin. Paraffin ist ein Wachs, das bei der Erdölverarbeitung gewonnen wird, also ein fossiler Rohstoff. Dazu kommen immer häufiger LED-Lichter mit eingebauten Batterien.

In der Breslauer Studie bestand der Kunststoffanteil in den getrennten Sammelbehältern zu bis zu 93 Prozent aus abgebrannten Paraffineinsätzen. Weil Kunststoff und Wachsreste untrennbar verbunden sind, lag die Reinheit dieser Kunststofffraktion unter 20 Prozent. Für ein stoffliches Recycling ist das wertlos. Die Autoren empfehlen deshalb, solche Einsätze energetisch zu verwerten, also zu verbrennen (Janda & Marcinkowski 2022).

Was danach geschieht

Das Glas ist der gute Teil der Geschichte: Es lässt sich zu 85 bis 90 Prozent sauber trennen und recyceln, selbst wenn es leicht verschmutzt ist. Ausgerechnet an den Feiertagen gelingt die Trennung aber oft schlechter, weil viele Besucherinnen und Besucher nicht wissen, wohin was gehört. Hauptursache für Fehlwürfe ist nach der Studie schlicht fehlendes Wissen, nicht fehlender guter Wille (Janda & Marcinkowski 2022).

In Österreich gilt je nach Bundesland und Gemeinde Ähnliches: Kunststoffhüllen mit Wachsresten gehören in der Regel in den Restmüll und werden verbrannt, Metalldeckel ins Altmetall, Glas in die vorgesehenen Behälter. LED-Grablichter sind Elektroaltgeräte. Ihre Batterien, oft Lithiumzellen, dürfen nicht in den Restmüll, weil sie in Sammelfahrzeugen und Anlagen Brände auslösen können. Am besten fragt man bei der eigenen Friedhofsverwaltung nach, welche Behälter es gibt.

Die Luft über dem Friedhof

Eine Flamme ist auch eine kleine Verbrennungsanlage. Olszowski und Kłos haben die Luft auf zwei polnischen Friedhöfen vor und während der Allerheiligentage gemessen. Auf einem einzelnen Grab brannten oft 50 bis 100 Lichter auf rund zwei Quadratmetern. Die durchschnittliche Benzolkonzentration stieg in der Festwoche um 144 bis 200 Prozent, die von Toluol um rund 340 bis 370 Prozent. In den 40 Stunden vom 1. auf den 2. November lag Benzol im Mittel bei 12 bis 15 Mikrogramm pro Kubikmeter (Olszowski & Kłos 2013). Der EU-Grenzwert von 5 Mikrogramm bezieht sich zwar auf das Jahresmittel und ist nicht direkt vergleichbar, die Größenordnung zeigt aber, wie viel sich an diesen Tagen auf engem Raum verdichtet.

Kerzenrauch besteht aus sehr feinen Partikeln. Brennt die Flamme ruhig, entstehen vor allem ultrafeine Teilchen. Flackert und rußt sie, steigt der Ausstoß deutlich, und es wird vor allem Ruß freigesetzt (Pagels et al. 2009). Für einen kurzen Besuch am Grab ist das kein Grund zur Sorge, für Menschen, die an diesen Tagen stundenlang auf dem Friedhof arbeiten, schon eher.

Zum Staunen
Auch das Gesteck kann Mikroplastik sein. Der grüne Steckschaum, in dem viele Kränze und Grabgestecke stecken, ist ein Kunststoff aus Phenol und Formaldehyd. Er zerbröselt zu Mikroplastik, das Wassertiere fressen. In einer australischen Studie nahmen alle sechs untersuchten Arten von wirbellosen Wassertieren die Partikel auf. Bemerkenswert: Ein als pflanzenbasiert vermarkteter „Bio-Schaum“ gab mehr als doppelt so viele Phenolverbindungen ab, und sein Auszug war für Zebrafischembryonen etwa doppelt so giftig wie der herkömmliche (Trestrail et al. 2020).

Vorsicht bei „Bio“ auf dem Etikett

Immer mehr Grablichter werben mit „kompostierbar“ oder „biologisch abbaubar“. Hier lohnt der genaue Blick. Hüllen aus dem Biokunststoff PLA sind nur unter den hohen Temperaturen einer industriellen Kompostierung abbaubar, nicht auf dem Friedhofskompost und nicht in der freien Natur. In Laborversuchen in Süß- und Meerwasser baute sich PLA innerhalb eines Jahres kaum ab (Bagheri et al. 2017). Kerzen aus Pflanzenwachs wie Raps oder Stearin ersparen zwar fossiles Paraffin, der Becher bleibt aber Abfall. Ein „Bio“ auf dem Etikett ersetzt nicht die Frage, was am Ende übrig bleibt.

Gedenken mit leichterem Fußabdruck

Die wirksamste Lösung ist zugleich die schönste: eine Grablaterne aus Glas oder Metall, die bleibt und nur nachgefüllt wird. Auch die Breslauer Forscher empfehlen durchsichtige Glaslichter mit austauschbaren Einsätzen. Ein Licht genügt, um zu sagen, dass man an jemanden denkt; es müssen nicht zehn sein. Wer ein noch brauchbares Licht übrig hat, kann es weitergeben. In Polen haben sich an Friedhofseingängen Regale bewährt, in denen Besucher Lichter zur Wiederverwendung abstellen. Gestecke ohne Steckschaum, mit Moos, Zweigen oder in Erde gesetzt, verbinden Schönheit mit Rücksicht. Und richtig trennen hilft mehr, als man glaubt.

Friedhofsverwaltungen und Gemeinden können viel bewirken: klare Trennbehälter mit gut lesbaren Schildern am Eingang, ein Tauschregal für Lichter, das Angebot von Nachfüllsystemen in Friedhofsgärtnereien und Hinweise in der Gemeindezeitung vor Allerheiligen.

Erinnern heißt auch weiterdenken

An Allerheiligen denken wir an die Generationen vor uns. Der Philosoph Hans Jonas hat in seinem „Prinzip Verantwortung“ den Gedanken formuliert, dass unser Handeln auch gegenüber den Generationen nach uns verantwortbar sein muss, weil seine Folgen weit über unser eigenes Leben hinausreichen. Vielleicht ist das die schönste Verbindung, die dieser Tag stiften kann: dankbar an die zu denken, die vor uns waren, und Rücksicht auf die zu nehmen, die nach uns kommen.

Was Proven by Nature daraus macht
Proven by Nature prüft im Freiland, ob Materialien halten, was ihre Etiketten versprechen, auch dann, wenn „kompostierbar“ oder „biologisch abbaubar“ auf einem Grablicht oder einem Steckschaum steht. Wenn Ihnen auf dem Friedhof oder im Handel solche Versprechen auffallen, schicken Sie uns ein Foto über unsere Facebook-Seite. Ausgewählte Produkte können ihren Weg in unsere Freilandversuche finden. Die Natur hat das letzte Wort, und sie kennt kein Etikett.

Literatur

Bagheri, A. R., Laforsch, C., Greiner, A. & Agarwal, S. (2017): Fate of so-called biodegradable polymers in seawater and freshwater. Global Challenges 1(4): 1700048. https://doi.org/10.1002/gch2.201700048

Janda, A. & Marcinkowski, T. (2022): Cemetery waste as a substream of municipal waste: research and structure of the selective waste collection in Poland. Environmental Science and Pollution Research 29(7): 9722–9733. https://doi.org/10.1007/s11356-021-16351-7

Olszowski, T. & Kłos, A. (2013): The impact of candle burning during All Saints’ Day ceremonies on ambient alkyl-substituted benzene concentrations. Bulletin of Environmental Contamination and Toxicology 91: 588–594. https://doi.org/10.1007/s00128-013-1104-6

Pagels, J., Wierzbicka, A., Fors, E., Isaxon, C., Dahl, A., Gudmundsson, A., Swietlicki, E. & Bohgard, M. (2009): Chemical composition and mass emission factors of candle smoke particles. Journal of Aerosol Science 40(3): 193–208. https://doi.org/10.1016/j.jaerosci.2008.10.005

Trestrail, C., Walpitagama, M., Hedges, C., Truskewycz, A., Miranda, A., Wlodkowic, D., Shimeta, J. & Nugegoda, D. (2020): Foaming at the mouth: ingestion of floral foam microplastics by aquatic animals. Science of the Total Environment 705: 135826. https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2019.135826

Weitere Daten: Kommunal.at, „Allerheiligen und Allerseelen als Aufgaben für Gemeinden“, mit Zahlen der Friedhöfe Wien; Trennhinweise: Land Steiermark, Abfall- und Ressourcenwirtschaft, „Abfalltrennung am Friedhof“. Philosophischer Bezug: Hans Jonas (1979), Das Prinzip Verantwortung.

Bildnachweis: Alle Fotos aus Wikimedia Commons.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert